Das Leben ist Lebenswert

        

          

             

Es ist acht Uhr morgens, ich sitze in der Küche und versuche, etwas zu essen, aber meine Aufregung und Angst machen das herunterschlucken des Brotes noch viel schwerer als es mir eh schon fiel. Heute ist der erste Tag meines Praktikums in einer Einrichtung, bei der ich mich zuvor Jahre lang geweigert habe, dort auch nur für eine Stunde Praktikum zu machen oder sie auch nur zu besichtigen.

 

Aber nun habe ich mich meiner Angst gestellt und werde sage und schreibe sechs Wochen Praktikum machen und meine Angst überwunden haben. Ich fühle mich wie am ersten Tag in der Schule - total aufgeregt und ahnungslos, was wohl alles auf mich zukommen würde! Ein Schritt nach dem anderen nähere ich mich dem großen geheimnisvollen Gebäude. An der Rezeption vorbei, mit einem gezwungenen Lächeln, gehe ich weiter zu meiner Abteilung, wo ich nun einige Zeit verbringen werde. Mit dem selben aufgezwungenen Lächeln habe ich auch die Kollegen begrüßt und bin dann direkt in Richtung Umkleidekabine durchgegangen. Das war mein erster Tag in einer Einrichtung, die ich noch heute versuche, jeden Freitag zu besuchen und dort weiterhin das Leben schön und lebenswert sein zu lassen.

 

Jetzt fragen sich die meisten bestimmt: "Wo hat sie ihr Praktikum denn gemacht?“

 

Es war in jener Einrichtung, wo die meisten vergessen und verlassen wurden, in einer Einrichtung, wo die Tagesordnung sehr routinemäßig abläuft und nur sehr selten ein fröhliches Lachen zu hören ist! Ich habe mein Praktikum in einem Altenheim gemacht und bin sehr froh über diese Erfahrung. Wie sehr ich auch davor Angst hatte, doch ich stärkte mich mit dem Gedanken, dass das Leben trotz allem lebenswert ist! Mir wurde jedoch noch einmal bewusst, dass man sich für seine Gesundheit und seine Familie stets einsetzen und bemühen muss. Ich habe dort vieles gelernt, vieles falsch gemacht und vieles neu entdeckt, aber etwas ganz Besonderes habe ich in mir wieder blühen lassen, und zwar den Halt und Respekt zu der Familie und den älteren Menschen. Das Praktikum fiel mir dann von Tag zu Tag leichter. Wie in den meisten Altenheimen waren dort seelisch und körperlich gesunde Menschen, aber auch viele, die dieses Privileg nicht mehr hatten. 

 

Die Persönlichkeiten, die sich dort zusammenfanden, waren so unterschiedlich, aber irgendwie trafen sie sich immer wieder an einem Punkt -  und zwar, dass sie nicht alleine und unglücklich ihr Leben weiterleben wollten, und genau aus dem Grund fühlten sie sich, auch wenn sie meist verschiedene Charaktere hatten, miteinander verbunden. Es war sehr bemerkenswert, dass wenn einer der Bewohner nicht zum Frühstück erschien, es dem anderen sofort auffiel und er nachfragte, was denn nur los sei? Warum er oder sie nicht da wäre und dergleichen. Sie versuchten alle, irgendwie doch eine Familie zu sein, trotz den Umständen. Dieser Zusammenhalt machte mein Herz weicher und ich lernte, dass es offenbar das schlimmste für einen Menschen ist, abhängig von jemand anderem zu sein! Darauf zu warten, dass man aus dem Bett herausgeholt und an den Frühstückstisch gebracht wird, dass man darauf wartet, zur Toilette gebracht zu werden; oder sogar darauf zu warten,  dass einem das Essen gereicht wird!

 

In diesen sechs Wochen hatte ich reichlich Zeit, mir die Geschichten der Bewohner anzuhören, und ich muss hier erwähnen, dass sie sehr interessant waren, jedoch auch traurig. Die Bewohner waren alle sehr liebenswürdige Menschen; die meisten waren ehemalige Ärzte, Lehrer oder Professoren und hatten dementsprechend Erlebnisse und Eindrücke,  die sie gerne mitteilten, wenn sich ein Gespräch ergab. Alles war sehr interessant zu hören, wie es einst war,  und sich vorzustellen, wie diese Menschen ihrer Jugend  verbracht haben. Schön war es auch zu sehen, wie einige Bewohner Fortschritte machten, indem sie versuchten, selbstständig zu essen oder vollständige Sätze zu bilden. Es war schön, mit ihnen spazieren zu gehen und sich zu unterhalten. Aber leider gab es, wie das im Leben so ist, auch traurige Ereignisse in den sechs Wochen. Menschen nicht mehr um sich zu haben, weil ihr Leben endete war eine Tragödie für mich, die mir endlos erschien. Jedoch war dies das Leben. Die Realität, und es schmerzte mein Herz. Diese Menschen hatten Kinder, die jedoch nie zu Besuch kamen und ihre Eltern einfach im Stich gelassen haben. Nun waren einige von ihnen tot… Allein der Gedanke lies meine Augen tränen. Nun versuche ich, mit den "Lifemakers Bonn"  jeden Freitag ins Altenheim zu gehen und den Bewohnern ein wenig Abwechslung ins Leben zu bringen, indem wir uns mit ihnen unterhalten oder spazieren gehen.  

Es ist wunderschön, die lächelnden Gesichter zu sehen und ihr Dankeschön zu erhalten für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind, jedoch für sie sehr Besonders sind. An dieser Stelle möchte ich mich bei unserem Team und ganz besonders beim Personalleiter Herrn Bierbaum herzlichst für seine Offenheit und seinen Respekt bedanken, den er uns gezeigt hat, indem er uns keinerlei Probleme aufgrund des Kopftuchs oder dem Gebet gemacht hat. Heutzutage ist es leider nicht mehr so selbstverständlich, dass man so respektvoll mit den Religionen anderer umgeht. Aber diese Menschen haben uns geprägt.  Mein großer Dank nochmals an Herrn Bierbaum und an Frau Olga!

 

Das war meine Erfahrung mit dem Altenheim, die ich jedem weiterempfehlen möchte,. Es ist sehr einfach Menschen glücklich zu machen, und das haben wir Lifemakers Bonn"   durch diese Projekt versucht.

 

Suche das Altenheim in deiner Nähe auf und frage einfach nach, ob du mit deiner Gruppe ehrenamtlich für 1-2  Tage in der Woche bei Ihnen aushelfen dürft.

 

Viel Erfolg!

 

                        Projektleiterin Nesibe N.

                                                     Bonn